Wer wir sind, und was wir tun

Unsere Lebensgemeinschaft entstand Mitte der 70er-Jahre, poetisch gesagt "im Morgenrot der Neuen Sozialen Bewegungen" in Deutschland. Derzeit bilden 23 Menschen den Kern unserer Gemeinschaft. Einige von uns leben und arbeiten kontinuierlich bereits von Anfang an - seit über einem Vierteljahrhundert - zusammen. Wir sind Lernende und Lehrer, Musiker, Autoren, Unternehmer und Berater, Medienspezialisten, Handwerker und Praktiker in ökologischem Gartenbau.

Unsere Vergangenheit - Gemeinschaft seit fast 30 Jahren

Die Gemeinschaft nahm 1976 mit der Begegnung von 5 Menschen ihren Anfang, die noch heute in der Gemeinschaft leben. Bis 1993 lebten wir im Süden Münchens bei Wolfratshausen, danach bis 1997 in der Schweiz. Während der Wolfratshausener Zeit wuchs unsere Gemeinschaft auf 17 Menschen an, die gemeinsam wirtschafteten. Darüber hinaus waren wir die Keim- und Kernzelle einer soziokulturellen Initiative, dem Temenos Projekt, das in seiner Blütezeit in Wolfratshausen rund 50 Familien umfasste und für viele Menschen in ganz Deutschland ein ermutigendes Modell selbstbestimmten Denkens und Handelns war.
Mit "Temenos", griechisch, meinten wir einen geschützten Raum, in dem man erfahren, lernen und erproben kann, wie man inmitten der modernen Welt ein schöpferisches Leben führt. Dieser geschützte Raum existierte nicht nur in Form verschiedener Begegnungs- und Arbeitsstätten. Er entstand vor allem im übertragenen Sinn in dem, was wir Neue Nachbarschaft nannten. Unsere damalige Utopie war, in der von zunehmender Vereinzelung geprägten, halb ländlichen, halb städtischen Gesellschaft zu Lebensformen zu finden, die unsere Bedürfnisse nach tiefen Beziehungen, nach Geborgenheit und sinnvollen Tätigkeiten erfüllten.

Das virtuelle Dorf entstand: Da die Mehrzahl der mit der Gemeinschaft verbundenen Menschen in mehreren Ortschaften verstreut wohnten, suchten wir Begegnungsformen, die aus der dörflichen Sozialkultur bekannt sind. Über eine bloße Interessensgemeinschaft hinaus wollten wir uns für ein Geben und Nehmen auf fundamentaler Ebene öffnen und ein vorbehaltloses Vertrauen entfalten - etwas, wozu vielen Menschen heutzutage der Mut fehlt. Dazu musste die Erkenntnis, dass so ein Vertrauen nur in einem angstfreien Raum gedeihen kann, den Weg vom Kopf in Herz und Hand finden.

Die Verwirklichung dieser Utopie bedeutete innere Arbeit und Mut zur persönlichen Veränderung. Ohne Konflikte mit der äußeren Welt war dies jedoch nur möglich, wenn die beteiligten Menschen innerhalb des Temenos Projekts nicht nur emotionale Heimat, sondern auch konkrete Arbeit fanden. So entwickelten wir Tätigkeitsfelder, die professionellen Einsatz ermöglichten und die zusätzliche Mittel abwarfen, um unsere ideellen Vorhaben aus eigener Tasche finanzieren zu können. Damit erarbeiteten wir uns die Prinzipien ganzheitlichen Wirtschaftens von Grund auf - Denkfehler und Missgeschicke inbegriffen.

Der folgende Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über die Stationen auf unserem Weg nach Klein Jasedow:

Chronologie der Ereignisse

Die Temenos-Initiative in Wolfratshausen
Das Ganze nahm nach mehrjähriger intensiver Suche nach angemessenen Lebensformen im Jahre 1977 Gestalt an, als die 5 Gründungsmenschen von München nach Wolfratshausen aufs Land zogen. Aus unserem Einkaufsring für biologische Lebensmittel wurde rasch ein Heimservice für Naturprodukte. Die Konzert- und Seminartätigkeit der Gründer floss in einer Musikproduktion mit Unterrichtsstudio zusammen. Eine Schreinerei entstand. Unser moderner Naturkostladen wurde zu einem Kommunikationszentrum der Region. Ein Kleinverlag kam hinzu.
Um freie Bildungsmöglichkeiten für die Kinder zu schaffen, gründeten wir den Temenos Kindergarten, der als Modell große Anerkennung fand und aus dem ursprünglich eine Freie Schule wachsen sollte. Die Weigerung eines jungen Mitglieds der Gemeinschaft, weiterhin zur Schule zu gehen, bewog uns stattdessen zur Gründung der freien Temenos Lerngruppe. Aus dem Provisorium entwickelte sich über vier Jahre hinweg ein einzigartiger Lernraum, in dem Kinder, Eltern und Begleiterin das dem Lernen gewidmete Leben autonom gestalteten. Um die Schulverweigerung fochten wir mit dem Freistaat Bayern einen Rechtsstreit aus, den wir nach zwei Jahren mit einem bundesweit einmaligen Freispruch gewannen. Dennoch war das Kultusministerium trotz grundsätzlicher Sympathien nicht bereit, das Modell unserer dezentralen Familienschule zu genehmigen, und verfügte 1992 die Schließung der Temenos Lerngruppe.
Während dieser Blütezeit des Temenos Projekts bestand der Kern der Gemeinschaft aus siebzehn Personen, die gemeinsam wirtschafteten und einstimmig entschieden. Um diesen Kern gruppierten sich bis zu fünfzig Familien, die vielfältige Aktivitäten einbrachten: Es gab diverse Kinder- und Musikgruppen, ein Malatelier nach Art des Mal-Orts von Arno Stern, eine Nähstube, wöchentliche Gesprächsrunden, Fortbildungsveranstaltungen, Konzerte und die beliebten Familientage. Dazu leistete eine große Schar von Förderern mannigfache Unterstützung.
Die Wirtschaftseinheiten wurden in einer gemeinsamen Mutterfirma zu lebensfähigen Betrieben "herangebrütet" und dann in die Selbständigkeit entlassen. Die zunehmende Professionalisierung im Kommunikationsbereich öffnete uns Wege in die Industrie und verschaffte uns zum Teil langjährige Beratungsprojekte. Im Zusammenhang damit entstand ein Studio für Computersatz und Grafik.

Umzug in die Schweiz
Für ein selbstentwickeltes Computerprogramm fanden wir einen Vertriebspartner in der Schweiz. Dies veranlasste die "Pioniergruppe", 1993 das Temenos Projekt zu verlassen und am Genfer See Neuland zu suchen: Mit einem erfolgreichen Softwareunternehmen hofften wir, weitere Mittel für eine Ausweitung unserer soziokulturellen Vorhaben erwirtschaften zu können. Wir waren uns bewusst, dass die Aufgabe, in einem fremden Land aus dem Nichts ein Unternehmen aufzubauen, enormen Einsatz erfordern und für ideelle Aktivitäten längere Zeit keinen Raum lassen würde.
Im Sommer 1996 hatten wir die Basis für zukünftigen Erfolg geschaffen - was die Softwarefirma betraf: Die ShakeHands Software Ltd war gut auf dem Markt etabliert und begann erstmals, die enormen Mittel, die wir investiert hatten, zurückzuspielen. Inzwischen hatte sich jedoch das Innovationstempo so sehr beschleunigt, und wir erkannten, dass wir auch in Zukunft sämtliche Kräfte und Mittel in das Unternehmen stecken müssten, um in diesem Rennen mithalten zu können.

Enscheidung für einen Neuanfang
Dies war jedoch nicht unser Ziel. Das Softwareprojekt war wirtschaftliches Mittel zum sozialen Zweck. Wenn jedoch ein Mittel zum Zweck beginnt, die Kräfte zu absorbieren, die für den Zweck gebraucht werden, wird es untauglich. Deshalb entschieden wir uns im Sommer 1996, unseren Lebensplan zu korrigieren. In dieser Phase zerbrach die Beziehung zu unserem Schweizer Partner, der eine wirtschaftlich unersetzbare Position in unserem Unternehmen innehatte. In der Folge mussten wir die Softwarefirma in andere Hände übergeben und alle Investitionen in den Wind schreiben. So begaben wir uns arm an Geld, aber reich an Erfahrungen, auf die Suche nach einem neuen Ort. Dieser sollte sich für einen langen Lebensabschnitt als Heimat eignen und gewährleisten, dass wir wieder in denjenigen Bereichen tätig sein können, in denen unsere besten Fähigkeiten liegen und in denen wir über lange Zeit wirksam waren: Musik, Soziokultur, Kommunikation, Ökologie und Bildung.

Die Gegenwart - im Neuland Wurzeln schlagen
Die Suche nach dem neuen Lebensort führte uns über einen Artikel im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in die Gemeinde Pulow an der vorpommerschen Ostseeküste. Der Hinweis auf ein vom Erdboden verschwundenes Dorf faszinierte uns derart, dass wir beschlossen, der Gemeinde den Wiederaufbau vorzuschlagen. Wir fanden uneingeschränkte Unterstützung durch den Gemeinderat und wagten im Juni 1997 den Umzug in das vom Verfall bedrohte Dörflein Klein Jasedow, das ebenfalls zur Gemeinde Pulow gehört.
Für die vielfachen und zum Teil gewaltigen Aufgaben des Wiederaufbaus dieser strukturschwachen Region, die nach der Wende dramatische Verluste an Arbeitsplätzen und Kaufkraft hinnehmen musste, waren wir grundsätzlich gut gerüstet: Wir besaßen Erfahrung im öffentlichen Leben, im Kulturbetrieb und der Politik ebenso wie in der Wirtschaft. Wir blicken auf eine erfolgreiche Lebenspraxis in schöpferischer Gemeinschaft mit anderen Menschen zurück. Wir verfügten über einen großen Freundeskreis, der uns die Zuversicht gab, mit unserem ideellen Engagement auf festem Boden zu stehen. Außerdem fühlten wir enorme Freude, an einer positiven Aufgabe mitzuwirken.
Um eine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen, müssen zur rechten Zeit alle wesentlichen Faktoren stimmen. Es war uns bewusst, dass ein Gemeinschaftswerk wie die Wiederbelebung der Dörflein der Gemeinde Pulow viele Hürden zu nehmen hat und schier unendliche Kraft, Zeit und Geduld braucht.

Kleines Jasedow - die Utopie gewinnt Gestalt

In dem Dörfchen Klein Jasedow konnten wir einige kleine und größere Gebäude und etwas Land erwerben. Inzwischen haben wir uns sozial und wirtschaftlich einigermaßen gefestigt. Die Gemeinschaft umfasst derzeit 23 Menschen von 1 bis 82 Jahren. Die Integration in die Gemeinde ist durch glückliche Umstände und durch die erstaunlich große Offenheit unserer NachbarInnen so schnell gelungen, dass ein Mitglied unserer Gemeinschaft fünf Jahre lang bis zum Juni dieses Jahres 2004 2. Bürgermeister war. Unser Wirtschaftsbetrieb, die Human Touch GmbH, funktioniert, und wir haben inzwischen 14 MitarbeiterInnen aus der Gemeinde und dem Nachbarstädtchen eingestellt. Außerdem bilden wir in den Bereichen Mediendesign, Bürokauffrau und Anwendungsprogrammierer aus.
Unser Hauptprojekt ist, in Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen eine Europäische Akademie der Heilenden Künste aufzubauen. Das wird eine Seminar- und Begegnungsstätte sein, wo sich vor allem Mediziner, Wissenschaftler, Heiler und Künstler treffen, um sich über die Möglichkeiten ganzheitlicher Heilweisen auszutauschen. Dieses Projekt hat viel mit unserer eigenen Musik zu tun, die wir wieder stark intensiviert haben. Gleichzeitig lädt die Einbettung des Örtchens in die Natur dazu ein, einen großen Garten zu bewirtschaften, der uns selbst mit ökologischen Lebensmitteln versorgen soll. Über den eigenen Garten hinaus haben wir ein Kräuterprojekt, die Kräutergarten Pommerland eG, in die Gänge gebracht, das für die ganze Region eine lohnende Möglichkeit erschließen soll, vor allem viele arbeitslose Landfrauen wieder beschäftigen zu können.
Unser Know-how im Verlags- und Druckbereich haben wir für eigene Zeitschriften- und Internetprojekte eingesetzt. In unserer neuen Werkstatt für Instrumentenbau haben wir begonnen, ein Musikinstrument für den Therapiebereich zu produzieren - die Sona SingingDrums. Hier arbeiten inzwischen drei Leute.
Die Angebote, die wir auf den betreffenden Seiten unserer Firmen-Web-Site (Human Touch) veröffentlichen, zeigen, wohin unser Weg geht: Wir verdienen mit Dienstleistungen, die auf die eine oder andere Weise mit unseren Lebensinhalten verknüpft sind, sowie mit unserer Kunst Geld und geben damit den Menschen hier positive Impulse und Unterstützung. Die großen Aufgaben übersteigen jedoch unsere eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten bei weitem. Daher haben wir einen Trägerverein zum Aufbau einer gemeinnützigen Stiftung gegründet und suchen dafür Stifter, Sponsoren und Förderer.
Dass sich auch zur aktiven Mitarbeit genügend Menschen einfinden werden, die das Projekt mit Phantasie, Tatkraft und ihrem ganzen Leben tragen wollen, daran war und ist kein Zweifel: Positive Signale ziehen weit über die Region hinaus Menschen an, die einen schöpferischen Beitrag zum Wohlergehen aller leisten wollen. Auch der Zuzug neuer Freunde in den Ortsteil Pulow (seit Oktober 1998 mehr als ein Dutzend) beweist, dass wir hier einen attraktiven Ort gefunden haben, an dem sich ein Neuanfang lohnt. Dass nicht alles reibungslos klappt, ist selbstverständlich, und wir haben auch viel einstecken müssen. Dazu finden Sie auf den anderen Seiten dieser Homepage entsprechende Hinweise.