Fragen & Antworten zum Film „Die Siedler“
Nach Ausstrahlung des Film „Die Siedler“ sind bei uns viele Anfragen und Ermutigungen eingegangen. Wir haben, soweit wir es konnten, in vielen Fällen individuelle Antworten zurückgeschickt und viele Besuchstermine vereinbart. (Dazu eine große Bitte: Da wir rund um die Uhr arbeiten, bringen uns unangemeldete Besuche meist in Bedrängnis. Wir möchten uns unseren Besuchern wenigstens soweit widmen können, dass sich ein einigermaßen runder Eindruck vermittelt, und das können wir nur mit etwas Vorlaufzeit so einrichten. Also bitte unbedingt vorher anrufen, wenn Sie mal vorbeikommen möchten! :-))

Die Beantwortung der Fragen und Anregungen aus den vielen Beiträgen im Gästebuch, aus einer Flut von Mails, Anrufen und persönlichen Gesprächen würde ein Buch ergeben. Die hier skizzierten Gedanken und Hintergründe mögen wenigstens vermitteln, dass die Sache so einfach eben nicht ist. Falls Sie einen weiteren Dialog wünschen, nutzen Sie bitte das Forum auf dieser Site.

Vorab soll ein Bespiel die Mitwirkung der lokalen Presse bei der künstlichen Fortsetzung des von ihr mitgeschürten Konflikts zeigen, den eine bestimmte Interessensgruppe pauschal gegen alle, die hier neu "siedeln", am Leben erhält. Die Sequenz kann auch die Frage mancher Kommentatorinnen und Kommentatoren, weshalb von der so genannten Gegenseite nicht mehr Stimmen zu hören sind, beantworten:

 
Im Nordkurier (Anklamer Zeitung) stand am 20.08.2004 folgender Artikel:

„Angst, was die anderen machen“ –
Der Dokumentarfilm „Die Siedler“ ergreift Partei im Pulower Dauerzwist

Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Segeth

Pulow. Spätestens seit gestern weiß Deutschland Bescheid über die ostvorpommersche Gemeinde Pulow und ihren großen Streit. Für diejenigen, die nicht schon den Beitrag im jüngsten „Spiegel“ gelesen hatten, zeigte die ARD um Mitternacht die Dokumentation „Die Siedler“, die der Münchner Regisseur Claus Strigel für die Reihe „Unter deutschen Dächern“ gedreht hatte. Die Zuschauer sahen einen technisch perfekt gemachten und dramaturgisch durchdachten Film, der mit eindrucksvollen Bildern, rasanten Kamerafahrten und perfekt abgestimmter Musik brillierte. Aber haben sie auch eine Ahnung von dem Konflikt bekommen, der seit September 2001 die Gemeinde spaltet?

(Dazu sei angemerkt: Im September 2001 wurde der von uns aufgebaute Biobetrieb Kräutergarten Pommerland eG Opfer eines Unfalls mit dem Pflanzengift Clomazone, das der konventionell arbeitende LPG-Nachfolgebetrieb in Form des Herbizids "Brasan" von Syngenta auf mehreren hundert Hektar Raps ausgebracht hatte. Auch die Privatgärten waren von einem Verzehrverbot betroffen. Dieser Vorfall wurde uns "Siedlern" mit dem Argument in die Schuhe geschoben, wir wollten die konventionelle Landwirtschaft zerstören. Es wurde einseitig ein künstlicher Konflikt geschürt, der, von der lokalen Presse wie auch in diesem Artikel nachhaltig unterstützt, bis heute als so genannter Pulower Dauerstreit manche mögliche Entwicklung behindert. Die ausführliche Dokumentation des Herbizid-Skandals finden Sie auf der Seite www.landwende.de. Dort ist auch das Schadensbild von 2004 dokumentiert, denn in diesem Herbst hat der Wirkstoff Clomazone erneut dieselben Schäden angerichtet wie 2001, diesmal als Bestandteil des Mittels "Nimbus CS" von BASF.)

Strigel war zum Jahreswechsel 2002/2003 nach Ostvorpommern gekommen, um am Beispiel der Anklamer Region die Probleme der Ein- und Abwanderung zu thematisieren, so kündigte er es einst an. Der Grimme-Preisträger begann mit Dreharbeiten am Kamp und wurde auf den Dauerzwist in Pulow aufmerksam – wahrscheinlich ein Fest für jeden Dokumentarfilmer auf der Suche nach spannendem Stoff. Der „Spiegel“ schreibt, dass ein Journalist Strigel gewarnt habe, nach Klein Jasedow zu gehen – er würde zwischen die Mühlsteine des Konfliktes geraten. Ganz so war es nicht: Der Mann von der Presse hatte ihm vielmehr geraten, sich nicht mit einer Seite gemein zu machen. Aber genau das ist passiert.

Der 90-minütige Film beleuchtet das Leben der Neu-Bewohner von Klein Jasedow, die dort seit 1997 leben. Liebevoll wird die vielschichtige, kreative Truppe gezeigt, die dort das absterbende Dorf wiederbelebt haben. Strigel zeigt gemeinsame Feiern, umgebaute Häuser, geplante Projekte und Szenen aus dem Alltag. Er begleitet sie durch halb Deutschland zu Konzerten, er beleuchtet ihre Gedanken, ihre Gefühle und Träume, er wirft einen Blick auf ihre Biografien und setzt die Idylle am See eindrucksvoll in Szene. Der Zuschauer vermisst nur Aufklärung zu den angedeuteten weltanschaulichen und esoterischen Hintergründen. Dafür begegnet er warmherzigen Menschen, die mutig ihre Vorstellung vom Leben umsetzen.

Verständnis nicht möglich

Die „alten“ Pulower hingegen kommen nicht annähernd so gut weg. Der 90- Minuten-Streifen gibt sich nur wenige Minuten mit ihnen ab. Der Zuschauer erfährt nichts über sie. Man sieht sie nur als dunkle verschwommene Masse, die in sekundenkurzen Einspielungen die Idylle am See bedrohen. Strigel saß nicht bei ihnen am Frühstückstisch, er zeigt nicht ihre Kinder, er war nicht an ihrem Arbeitsplatz, er fragt nicht nach ihrer Vergangenheit, stattdessen lässt er das Netz pauschaler Stasi-Vorwürfe über sie fallen. Der unbefangene Zuschauer erhält keine Möglichkeit, auch nur den Hauch von Verständnis aufkommen zu lassen. Strigel lässt nur ein Ehepaar sprechen, und selbst da bringt er ein eigenartiges „Best Of“: Die peinlichen Äußerungen über das „Sexualverhalten“ der anderen, deren „Nicht-Arbeiten“, die „Hexe“ oder das „Bestandsrecht“ müssen als Kollektiv-Haltung für 200 Menschen herhalten. Die Ursachen des Streites erahnt man nur. Die vielen gestrigen Reaktionen auf www.kleinjasedow.de aus ganz Deutschland sprechen Bände.

Ein Schlüsselsatz fällt in der Mitte des Films: „Wir haben Angst davor, was die anderen über uns sagen, was die anderen über uns denken, was sie hinter unserem Rücken gegen uns machen, was sie nicht sichtbar machen, was sie verheimlichen. Im Grunde regiert hier die Angst.“ Es ist purer Zufall, dass eine „Neue“ den Satz sagt, er könnte von beiden Parteien stammen. Nach diesem Film werden die Ängste nicht kleiner sein – und die Vorurteile schon gar nicht.

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Wer den Film gesehen hat, weiß, dass sehr wohl einheimische Bürger ausführlich zu Wort kommen: der Bürgermeister, der Pfarrer, Nachbar Martschinke, Nachbar Enke, und es werden unsere Angestellten gezeigt. Die Beiträge von Herrn und Frau Bliese nehmen durchaus keinen nebensächlichen Raum ein. Auch wenn es Herrn Segeth nicht gefällt, so geben die "peinlichen Äußerungen" derjenigen, für die er Partei ergreift, doch wahrheitsgetreu die Argumente wieder, die von unseren so genannten Gegnern vorgebracht weden – die praktisch alle in dem nach dem Brasan-Skandal gegründeten Waschower "Heimatverein" organisiert sind.

Auf diesen Artikel hin schrieb Regisseur und Filmemacher Claus Strigel folgenden Leserbrief, der am 24.8. im Nordkurier abgedruckt wurde:

Leserbrief zum Artikel: „Angst, was die anderen machen“ – Der Dokumentarfilm „Die Siedler“ ergreift Partei im Pulower Dauerzwist

Sehr geehrter Herr Segeth,

Sie haben mit scharfem Blick den wunden Punkt meines SIEDLER-Western erkannt: Die Ansässigen, die den "Siedlern" mit Skepsis und manchmal Feindseligkeit gegenüberstehen, kommen nur in einem sehr engen Ausschnitt zu Wort. Auch ich finde als Regisseur: Ein berechtigter Einwand. Da geht es gar nicht mal so sehr um "Ausgewogenheit", als um ein vollständigeres und einfühlsameres Gesamtbild. Der Film hätte mit einem vielfältigeren Spektrum aus den Stimmen des skeptischen Anteils der Nachbarn nur gewinnen können. Doch ich fand auch nach monatelangen Bemühungen, nach Rundbriefen an den Heimatverein, mehrmaligen Anfragen bei der Peeneland GmbH niemanden, der bereit war, sich öffentlich zu äußern. Ich bekam nicht einmal eine Antwort. Die einzige Ausnahme waren die beiden mutigen Vertreter des Heimatvereins, die sich nach langem Zögern doch ausführlich äußerten und den Schweigenden ihre Stimme liehen. So habe ich diese Interviews ausführlich und in der Argumentation vollständig in den Film aufgenommen. Darüber hinaus kommen die direkten Nachbarn der Siedler in Klein Jasedow sehr ausführlich zu Wort. So spiegelt der Film doch sehr objektiv den Eindruck, der sich einem Gast bietet: Wer schweigt wird nicht gehört.

Claus Strigel

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In derselben Ausgabe des Nordkurier vom 24.8., allerdings zwei Seiten vorher plaziert, fand sich jedoch dieser vorbeugende Beitrag von Andreas Segeth:

Auf Filmdoku folgen heftige Reaktionen
FAZ "erkennt" Büchermangel

Pulow (as). Der in der Vorwoche ausgestrahlte Dokumentarfilm "Die Siedler" über den Dauerstreit in der ostvorpommerschen Gemeinde Pulow hat bundesweit teils sehr heftige Reaktionen hervorgerufen. Etliche Zeitungen rezensierten den Film von Claus Strigel - die Palette reicht vom "Hamburger Abendblatt" bis zur "Bild am Sonntag". Für den Grundtenor der Reaktionen spricht allerdings der Beitrag "Intrigen aus der ostdeutschen Provinz" im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Regina Mönch schreibt hier: "Auf der einen Seite die sanften, kultivierten Siedler (...). Eine kleine Gemeinschaft, die Kräuter und Blumen anbaut, überschaubare Felder bestellt, in Kirchen musiziert und in deren Stuben mehr Bücher stehen als in den umliegenden Dörfern zusammen." Letzteres wurde im Film übrigens nicht einmal angedeutet. Die Alt-Pulower sieht sie jetzt so: "Erfolgsneid. Provinz, die kein Bild von der Welt hat, und eine Gesellschaft, die knallhart alles auszugrenzen vermag, das sich verordneter Piefigkeit entzieht."

Ähnliche Reaktionen finden sich in den über 100 Eintragungen, die sich seit der Ausstrahlung im Gästebuch der Internetseite www. kleinjasedow.de angesammelt haben. Nur wenige ergreifen Partei für die Alt-Pulower. Einer von ihnen sieht im Film allerdings gar eine "widerwärtige westdeutsche Ostdeutschenfeindlichkeit" und die "kolonialistische Geste: Wir zeigen euch dummen Ossis jetzt mal, wie man richtig lebt."

Der Artikel zeigt im Ton, im Aufbau und in der Wahl der Zitate exemplarisch die Methode, mit der die Presse den Konflikt am Leben erhält. Hierzu ist der Originalbeitrag interessant, der die zum Schluss zitierte Passage im Kontext zeigt. Sie finden ihn unter Nummer 86, geschrieben von Unica. Man muss wahrlich lange suchen, bis ein Gästebuch-Eintrag so ein Zitat hergibt ...

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Im Folgenden gehen wir auf einzelne Passagen aus den Gästebuch-Einträgen ein. Wenn Sie dazu eine weitere Diskussion wünschen, freuen wir uns, wenn Sie dazu das Forum benutzen.

Beitrag 45, Tobias: Ich hatte schon den Eindruck (ohne mehr darueber zu wissen), dass er (der Film) stark parteiisch war. Was eben herauskommt wenn man eine vermutlich grossstaedtische westdeutsche Medienmeute auf unvorbereitete ostdeutsche Dorfbewohner loslaesst.

und

Beitrag 114, Diane Steiner-Springborn: Warum hat sich der Regisseur nicht an einen Tisch der Einwohner gesetzt und mal nach ihren Meinungen und auch Ängsten gefragt?

Aus der ursprünglichen Idee des Filmemachers Claus Strigel, eine Dokumentation über die Frage zu machen, was Menschen bewegt, aus der Region wegzuziehen und andere Menschen, sich gerade hier niederzulassen, wurde schließlich unter dem Eindruck unserer Geschichte ein ziemlich ausführliches und intimes Porträt unserer Lebensgemeinschaft. Der Konflikt, in den uns der Brasan-Skandal von 2001 gestürzt hatte, ist für den Kontext zwar wichtig, aber er stand nicht im Mittelpunkt des Films. Zwar wollte Claus Strigel beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen lassen. Leider waren bis auf das Ehepaar Bliese keine weiteren Mitglieder des Waschower „Heimatvereins“ zu einem Interview bereit. Das Filmteam (übrigens ein sehr kleines, bestehend aus Regisseur, Kameramann und Tontechniker) hat sich redlich bemüht, ist direkt auf die Menschen zugegangen, hat schriftliche Einladungen verschickt etc., ohne Erfolg. Auch die Peeneland Agrar GmbH, die eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung im Zuge des Herbizidunfalls 2001 gespielt hat, hat den Besuch des Filmteams oder auch nur ein Gespräch mit dem Regisseur abgelehnt.

Zu den Einheimischen, die für ein Gespräch offen waren, hat sich der Regisseur gerne und lange an den Tisch gesetzt, wie man an den Beiträgen von Paul Martschinke und Hans-Joachim Enke im Film ablesen kann.

Im übrigen sei ausdrücklich erwähnt, dass wir noch nie ein Filmteam erlebt haben, das seine Arbeit derart diskret, sensibel und unaufdringlich erfüllt hat. Dies gilt vor allem auch für den Kameramann Waldemar Hauschild. Oft gab es Situationen, wo wir gar nicht merkten, dass er da war und die Kamera lief. Der ausnehmend große Respekt des Filmteams vor unserer Privatsphäre und unseren Tagesabläufen, auch im Büro oder bei unseren Performances, die nicht die geringste Beeinträchtigung erfahren haben, ist diametral dem Vorurteil von einer „westdeutschen Medienmeute“ entgegengesetzt. Alle, die die Filmemacher persönlich erlebt haben, sprechen mit Hochachtung von ihnen.

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Eintrag 127, Rolf Köster: Ich frage mich nur, wie dieses eine Ehepaar zu seiner abenteuerlichen Einstellung zu Eurer Lebensweise kommt, woher kommen diese Gerüchte?

und

Eintrag 135, Verena: Was mir überhaupt nicht in den Kopf will, ist das Gefühl - augenscheinlich massiv vorhanden - der 'Einheimischen', dass ihr ihnen eure Lebensweise aufzwingen wollt. Kann doch jeder für sich entscheiden, wie er leben will.

Das ist der Punkt, der uns auch lange Zeit überhaupt nicht in den Kopf wollte – woher der Eindruck entstehen konnte, dass wir jemandem unsere Lebensweise aufzwingen möchten, denn nichts liegt uns ferner als das. Im Gegenteil: Wir haben, wo immer wir waren, versucht, das Prinzip einer fragenden Lebenshaltung zu verwirklichen. Als wir uns darauf vorbereiteten, an diesen neuen Lebensort zu gehen, haben wir uns klargemacht, dass wir in ein Ausland ziehen. Dass hier auch Deutsch gesprochen wird, haben wir eher als Erschwernis denn als Erleichterung empfunden: Wenn wir 1996 statt nach Ostvorpommern z.B. nach Irland oder Neuseeland aufgebrochen wären, hätte uns die fremde Sprache täglich von allein daran erinnert, dass wir Gäste sind, die wohl erst in der nächsten Generation einheimisch werden können. So haben wir uns stets selbst vorgehalten, dass wir in einem fremden Land sind, um nicht den Irrtum zu begehen, nur weil die Sprache der Hiesigen auch deutsch klingt, anzunehmen, wir würden auch schon dasselbe verstehen.

Inzwischen wissen wir aber, wie diese absurden Gedanken in die Köpfe geraten sind: Im Jahr 1994, also lange bevor Klein Jasedow auf unserer inneren Landkarte auftauchte, hatte eine Arbeitsgruppe von Studenten der TU Berlin im Rahmen einer Seminararbeit verschiedene Entwicklungsmodelle für die Gemeinde Pulow erarbeitet und ihre Anregungen für neue Wege in der Kommunalpolitik im Ajhr 1995 in Form einer Ausstellung im Gutshaus Papendorf sowie in einer umfangreichen schriftlichen Dokumentation präsentiert. Die Arbeit wurde in mehreren Exemplaren den Mitgliedern des damaligen Gemeinderats übergeben, und sie wurde sogar vom Landkreis Ostvorpommern gelobt, wie man uns berichtet hat. In Kapitel 3 jener Seminararbeit wurde ein Gedankenexperiment beschrieben, in dem sich die Gemeinde Pulow als „autonome Gemeinde“ selbst versorgt. Das Gedankenspiel beschrieb, wie die Einwohner ihre Lebensmittel weitgehend selbst anbauen und es viele Handwerksbetriebe in den Dörfern gibt, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs herstellen. So weit, so gut.

2001, nachdem wir also bereits über vier Jahre lang ohne das geringste Problem mit der einheimischen Bevölkerung zusammengewachsen waren, geschah der Herbizidunfall, durch den die Felder unserer Kräuteranbauprojekts und die Privatgärten kontaminiert wurden. Wir informierten damals die Öffentlichkeit, und infolgedessen stellte sich heraus, dass dieses Problem im ganzen Bundesland aufgetreten war – viele andere Öko-Betriebe waren von Schäden durch das Unkrautvernichtsungsmittel „Brasan“ betroffen. Unsere Empörung richtete sich damals gegen den Hersteller des aus dem Ruder gelaufenen „Pflanzenschutzmittels“, die Firma Syngenta. Der Landwirtschaftsbetrieb, der den Schaden in unserem Fall verursacht hatte, die Peeneland Agrar GmbH, muss unsere Pressekampagne als gegen sie gerichtet empfunden haben – obwohl dies definitv nicht der Fall war, denn der Betrieb war damals (wie übrigens auch in diesem Jahr 2004 zum wiederhiolten Mal) genauso Opfer der Pflanzenschutz-Chemieindustrie, wie wir. Die Firma schickte ihre Angestellten auf eine Pressekonferenz der damals entstandenen Bürgerinitiative „Landwende“, um mit dem Argument zu demonstrieren, „die Zugezogenen wollen die konventionelle Landwirtschaft zerstören und ihre Arbeitsplätze vernichten“. Am nächsten Tag fand in dem Nachbarstädtchen Lassan eine geheime Sitzung statt, zu der alle Familien der Angestellten in diesem Betrieb und alle mit der Peeneland assoziierten Bürger der Gemeinde eingeladen wurden, darunter auch das im Fim gezeigte „Ehepaar am Gartentisch“ aus Waschow. Dort wurde die Unterstellung, dass wir es auf die Zerstörung der konventionellen Landwirtschaft abgesehen hätten, mit dem Modell der Studenten von der „autonomen Gemeinde“ aus dem Jahr 1994 untermauert. Dies sei der „langfristige Plan“, den Bürgermeister Andiel gemeinsam mit den Zugezogenen in Klein Jasedow eigentlich verfolgte: Alles müsse zwangsweise ökologisch bewirtschaftet werden, man dürfe nur noch essen, was auf den Feldern der Gemeinde wächst, man dürfe nicht mehr Einkaufen fahren, man dürfe keine Grundstücke mehr besitzen und keine Autos mehr haben, sogar Geschirr etc. müsse in der Gemeinde selbst hergestellt werden ...

Hanebüchener Unsinn, mit dem wir nichts zu tun haben. Die Methode jedoch erinnert fatal an die berüchtigte Anweisung 76/1 von Erich Mielke, nach der in der juristischen Fakultät der Universität Potsdam die „Zersetzung der Persönlichkeit“ gelehrt wurde, um staatsfeindliche Subjekte unschädlich zu machen. War es ein absichtsvoller Griff in die Methodenkiste eines Systems, das die Vernichtung von Menschen zur Staatsräson gemacht hatte?

Seit jener Versammlung, die als Ergebnis auch ein von 136 Einwohnern unterzeichnetes Bürgerbegehren zeitigte, in dem der sofortige Rücktritt des gesamten Gemeindeparlaments samt Bürgermeister gefordert wurde, geht das Gerücht um, dass bei uns alle Brennesseln essen und barfuß gehen müssten und dass wir den anderen unsere Lebensweise aufzwingen würden. In den ersten vier Jahren unseres Hierseins hatten wir ein solches Gerücht nie gehört, denn es gibt dafür wahrlich keinen Anlass ... :-)

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Eintrag 89, Jürgen Hochmuth: Die teilweise Ablehnung der Bevölkerung fand ich recht merkwürdig, mir kamen die Bemerkungen etwas "mittelalterlich" vor. Es ist Ihnen hier wohl nicht gelungen die Einwohner so zu interessieren, dass trotzdem nicht das Gefühl des Bevormundens entsteht ...

Darüber, wie dieses Gefühl des Bevormundens entstehen konnte, haben wir uns auch viele Gedanken gemacht. Wie das Missverständnis, wir wollten den anderen unsere Lebensweise aufzwingen, entstanden sein könnte, haben wir in der obigen Antwort zu 45. und 114 schon etwas geschrieben. Aber dieses unterschwellige, unreflektierte Gefühl des Bevormundet-Werdens hat wohl noch weitere Quellen. In der DDR haben viele Menschen erlebt, wie ihnen von übergordneten Autoritäten eine bestimmte Lebensweise aufgezwungen wurde: Wer an der Macht war, hat gesagt, wo es lang ging - das reichte in subtilen Formen bis auf untere Ebenen hinunter. Bis zum 13. Juni dieses Jahres 2004 war ein Mitglied unserer Lebensgemeinschaft Teil des Gemeinderats und stellvertetende Bürgermeister, wir waren und sind mit dem - nunmehr ehemaligen - Bürgermeister befreundet, und drei weitere (2 Einheimische, 1 später Zugezogener) Gemeinderats-Mitglieder hatten die Politik des Bürgermeisters unterstützt, so dass durchaus bei oberflächlicher Betrachtung der Eindruck entstehen konnte dass „die Gruppe um Matthias Andiel“ „an der Regierung“ sei (wohlgemerkt kam diese Haltung auch erst nach dem Herbizid-Unfall auf). Und „Regierung“ wird immer noch mit Machtausübung missverstanden, wie es derzeit die nach der Kommunalwahl am 13. Juni 2004 „an die Macht gekommene“ neue Gemeinderegierung, die mit einer Stimme Mehrheit von den Mitgliedern des Waschower „Heimatvereins" gestellt wird, eindrucksvoll beweist. Jetzt können wir leibhaftig sehen, wie Regierungsgewalt bisher aufgefasst worden war: Bevormundung oder Vorschriften, wie man zu leben hat, sind jetzt wieder installiert.

Dieses Bild von „Regierung“ scheint manchen Menschen hier so tief in den Knochen zu sitzen, dass sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dass es außer Machtmissbrauch auch noch das Prinzip "Kooperation" geben könnte. Wir verbinden „Regierung“ mit organisatorischer Verantwortung für die Anliegen aller. Dies hat eine primär fragende Haltung zur Voraussetzung, die ein entsprechendes Dienen nach sich zieht. Mit dem Macht-Phänomen haben wir uns schon vor einem Vierteljahrhundert intensiv auseinandergesetzt. Ohne diese Frage mit einem eindeutigen Verzicht auf Machtausübung zugunsten eines sich gegenseitig Dienens beantwortet zu haben, würde unsere Gemeinschaft nie und nimmer bis heute überlebt haben.

Noch ein Beispiel für die nur schwer nachvollziehbare Angst vor Unterjochung durch irgendeine fremde Ideologie: Eine unserer (einheimischen) Nachbarinnen in Klein Jasedow ist Kindergärtnerin. Mit unserer Unterstützung hat sie ein Tagesmütter-Projekt ins Leben gerufen, in dem kleine Kinder von Einheimischen und von „Neusiedlern“ in einer privat von der Gemeinde angemieteten Wohnung betreut werden. Obwohl dies nichts weiter als ein Selbsthilfe-Projekt befreundeter Mütter ist, wurde eine Zeitlang hartnäckig behauptet, wir wollten alle Familien der Gemeinde zwingen, ihre Kinder in „unseren Kindergarten“ zu stecken. Leider halten sich die Vorurteile, je absurder sie sind, umso länger, weil sie aus derart irrationalen Ängsten gespeist werden, dass sie nicht mehr mit rationalen Argumenten aus dem Weg geräumt werden können.

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Eintrag 86, Unica: Nur zweifle ich, dass dieser Film Eure Situation verbessert. Vielmehr scheint er Fronten zu verhärten, die so starr wie behauptet möglicherweise gar nicht bestehen - immer war von Anfeindungen die Rede, präsentiert wurden letztlich aber bloß eine Demo und ein spießiges altes Pärchen, wie man es überall in der Wohlstandswelt antrifft.

Wir wissen auch nicht, ob der Film unsere Situation hier oben langfristig erleichtert. Das erwarten wir im Grunde auch gar nicht. Es ist auch nicht „unser“ Film, sondern eine Dokumentation von Claus Strigel, der damit soziale Zusammenhänge und Schwierigkeiten, die hier im Nordosten Deutschlands bestehen, bundesweit zeigen wollte, denn die Situation hier ist den wenigsten im Westen und im Süden bewusst.

Eine Reihe von Gesprächen und Begegungen haben uns zwar gezeigt, dass offenbar viele Menschen durch den Film erstmals erfahren habe, was wir hier tatsächlich tun, und der Eindruck ist wohl nicht falsch, dass einige erkannt haben, dass sie Vorurteilen und absurden Gerüchten aufgesessen sind. Aber es ist eben doch nur ein Film, und die Veränderung müsste schon durch reale Begegnungen erfahrbar werden.

Es ist einerseits richtig, dass die Fronten gar nicht so gewaltig sind, wie sie scheinen. Wir haben weitaus mehr Freunde in der Gemeinde, als es Menschen gibt, die uns ausdrücklich ablehnend gegenüberstehen. Die Dorfgemeinschaft in Klein Jasedow selbst ist ausgesprochen harmonisch – dafür spricht z.B., dass hier in einer Gemeinschafts-Aktion aller Einwohner in Eigenarbeit für das Dorf eine Binsenkläranlage finanziert und gebaut haben. (Wir haben mit allen Nachbarn zusammen den „Binsenweisheit e.V.“ gegründet - wobei der Vorstand ausschließlich aus Einheimischen besteht -, und aus den Mitgliedsbeiträgen refinanzieren wir einen Leihgemeinschaftskredit bei der GLS Gemeinschaftsbank.)

Andererseits ist die Front, die seit dem Herbizid-Unfall 2001 von einigen Bewohnern der umliegenden Dörfer künstlich aufrecht erhalten wird, von unserer Seite derzeit nicht aufzuweichen. Alle unsere Versuche, auf die gegnerisch eingestellten Menschen zuzugehen, sind bisher gescheitert. Wir bekommen von ihnen die klare Botschaft: „Wir reden nicht mit euch!“, „Zwischen uns passt kein Blatt Papier!“ So stand es auch in der örtlichen Presse, die ein übriges dazu tut, um den Konflikt am Leben zu erhalten.

Freilich ist diese Front nicht ohne Konsequenzen für uns, sie hat Einfluss auf Behörden und politische Entscheidungsträger, insbesondere auf der Ebene des Landkreises. So ist beispielsweise unter dem Eindruck der Mobbing-Kampagne nach dem Brasan-Skandal ein Antrag auf Förderung durch EU-Mittel für den Ausbau unseres Klanghauses nach zweijähriger Fleißarbeit durch die Stimme des Landkreises abgelehnt worden. Ein Rückschritt für die Entwicklung der Region und Ergebnis von Verleumdung und Stimmungsmache gegen eine vermeintliche „Sekte“.

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Eintrag 86, Unica: Ihr habt - sicher gutgemeint - zur Begrüßung Flugblätter verteilt, auf denen Ihr Euch vorgestellt habt, gesagt habt, wer Ihr seid, was Ihr könnt und was Ihr wollt. Könnte es nicht sein, dass so ein Blatt kontraproduktiv ist? Im Sinne von: "Mein Gott, nehmen die sich wichtig, sind die von sich selbst überzeugt!" Habt Ihr es auch umgekehrt versucht? Habt Ihr Euch in der Umgebung umgeschaut - wer schon da ist, was die können und was die wollen?

Nun, es war beileibe kein Flugblatt, sondern ein professionell gemachtes, nur für die Mitglieder des Gemeinderats bestimmtes Dossier über unsere Geschichte, unsere Kompetenzen und unsere Ziele bei einer potenziellen Niederlassung in der Gemeinde Pulow. Wir hielten es für selbstverständlich und absolut zum guten Ton gehörig, dass man sich vorstellt, wenn man als Investor in eine kleine Gemeinde zieht - und dazu noch eine etwas gewöhnungsbedüftige Lebensform mitbringt und nicht zuletzt ein bisschen anders aussieht als gewöhnlich. Wir dachten, heiße Luft kann ja jeder erzählen, und die Menschen in Ostvorpommern haben sicherlich schon manche tolle Story gehört, die sich hinterher in Nichts aufgelöst hat. Darum hatten wir dieses ausschließlich für die Gemeindevertretung bestimmte Papier angefertigt. Die Gemeindevertreter sollten wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie unsere Ansiedelung befürworten, sie sollten in die Lage versetzt werden, eigene Recherchen über uns anzustellen (schließlich hatten wir ja auch in Bayern schon öffentlich gewirkt), sie sollten sich versichern können, dass wir die Wahrheit sagen, dass wir keine „Sekte“ sind, und - das war uns besonders wichtig - sie sollten die Chance haben, uns abzulehnen. Wir hatten bei zwei Vorstellungsgesprächen im Gemeinderat deutlich gemacht, dass wir nicht gegen den Willen der Gemeindevertretung herziehen würden. Wir wünschten zu unserer Sicherheit und zur Sicherheit der Gemeindevertretung, dass unser Kommen einstimmig begrüßt würde. So geschah es dann auch.

Dieses Dossier trug auf seinem Deckblatt unübersehbar den Vermerk „vertraulich!“ Dies schien uns wichtig, denn wir wollten vermeiden, dass im Dorf vorzeitig irgendwelche Erwartungen geweckt würden, solange nicht klar war, dass wir ein einstimmiges Votum für unsere Niederlassung in der Gemeinde bekommen würden. Interessanterweise erhielten wir schon zwei Tage, nachdem wir das Dossier im Vertrauen auf vertrauliche Behandlung an den Gemeinderat übergeben hatten, ein überraschendes Mail von einem Journalisten aus Heringsdorf auf der Insel Usedom, der Näheres über unsere Projekte wissen wollte. Einer der Gemeinderäte, jemand, der uns vor allem später in der Brasan-Affäre übel mitspielte, hatte das vertrauliche Papier an ihn weitergegeben. Damals war uns noch nicht bekannt, was „Kader“ bedeutet. Der Journalist jedenfalls war zu DDR-Zeiten SED-Bürgermeister gewesen - und die Ehefrau jenes Gemeinderatsmitglieds war ebenfalls Ex-SED-Bürgermeisterin ...

Vermutlich hätten wir mit unserem heutigen Erfahrungsstand tatsächlich keine schriftliche Vorstellung von uns angefertigt. Es war uns damals nicht bewusst, dass eine solche Präsentation in bestimmten Kreisen sofort Verdacht auf eine "gefährliche Organisation", die bestimmt nicht ohne verdeckte Hintermänner auskommen kann, erweckt und Misstrauen hervorruft.

Ein Flugblatt jedenfallls wäre uns sowieso zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen. Man kann Menschen nur im persönlichen Gespräch kennenlernen. So ist es innerhalb des Dorfes Klein Jasedow auch geschechen. Erste Gespräche mit einem Nachbarn ergaben z.B., dass er arbeitslos war und Metallbau gelernt hatte – daraus entstand das Projekt der Metallwerkstatt, in der er bis heute angestellt ist. Tatsächlich sind alle Projekte im Dialog mit den Menschen hier entstanden. So auch das Kräuteranbauprojekt: Der Bürgermeister und seine damalige Partnerin hatten einen Kräutergarten als AB-Maßnahme angelegt, die Maßnahme war ausgelaufen und der Garten stand vor dem Aus. Weil der Bürgermeister wusste, dass wir uns früher bereits mit Naturkost beschäftigt hatten, kam er auf uns mit der Frage zu, ob wir dieses Projekt nicht irgendwie weiterführen könnten. Dies war der Anfang der jetzigen „Kräutergarten Pommerland e.G.“, eines Projekts, das organisch aus einem vorhandenen Potenzial heraus gewachsen ist.

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Eintrag Nr. 68, Insel: Vorpommern ist ja auch ein sehr schöner flecken land aber mit einem zimlich eigenen menschenschlag der sicher einige zeit braucht überhaupt etwas neues zu akzeptieren.

Hier möchten wir im Namen aller Klein Jasedower Einheimischen entschieden widersprechen! Als wir im Frühjahr 1997 hier mit unseren ersten Habseligkeiten ankamen, ist uns nur Aufgeschlossenheit, Interesse und Freundschaft entgegengebracht worden. Wir waren davon ganz überwältigt, denn die Vorurteile, dass die Menschen in Vorpommern besonders stur seien, hatten wir auch gehört. Solche Vorurteile sind genauso irreführend wie solche, dass alle Leute mit langen Haaren nur barfuß laufen und Brennesseln essen. Im übrigen hatten wir 15 Jahre lang mittten in Oberbayern mit dem damaligen „Temenos“-Projekt auch nicht übermäßig viel Offenheit erfahren - die Vorurteile jeglicher Art nehmen sich nicht viel, ob in Pommern oder in Bayern oder sonstwo auf der Welt.

Nachdem wir uns im Sommer 1997 in Klein Jasedow notdürftig eingerichtet hatten, wollten wir unsere Nachbarn zu einem Einstandsfest einladen, aber da wurde uns von der damailgen Dorfältesten gesagt: „Nein, wir wollten doch ein Fest machen, um euch in die Dorfgemeinschaft aufzunehmen!“ So kam es zu dem ersten in einer inzwischen langen Tradition von gemeinsamen Dorffesten in Klein Jasedow.

Rund zwei Drittel der so genannten Einheimischen in unserer Region sind als Vertriebene aus Hinterpommern, aus Schlesien oder aus dem Sudetenland nach dem 2. Weltkrieg und später durch Umsiedelungsmaßnahmen innerhalb der DDR in dieser Region gelandet. In den ersten drei Monaten haben wir praktisch keinen „echten“ Vorpommern getroffen. Unsere Klein Jasedower Nachbarn hatten deshalb besonderes Verständnis für unsere Situation nach dem Umzug, wo wir einen neuen Anfang finden und uns in den verfallenen Häusern notdürftig einrichten mussten.

Die Menschen, die Vorurteile uns gegenüber haben, wie das im Film gezeigte Ehepaar, kennen uns gar nicht persönlich. Sie wohnen in den Nachbardörfern, und hatten bis zu dem Herbizid-Unfall 2001 weder Berührungspunkte noch irgendwelche Probleme mit uns. Ohne diesen Vorfall und die im Zuge dessen verbreiteten Falschinformationen über uns hätte auch mit ihnen vermutlich ein normaler, langsamer Annäherungsprozess stattgefunden.

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Eintrag 66., Uwe Böhm: Sie (die kritisch eingestellten Einheimischen) haben sich sicher nicht die Mühe gemacht, mit Euch in Kontakt zu kommen, sondern einfach Klatsch und Tratsch aufgenommen und weitergeplappert, oder? Was der Bericht nicht eindeutig zum Ausdruck gebracht hat und weshalb ich diese Mail schreibe: Wie ist´s jetzt? Sind die Probleme gelöst? Könnt Ihr angstfreier leben?

Es stimmt, dass die Menschen, die die Vorurteile gegen uns am Leben erhalten, nicht mit uns Kontakt aufnehmen (in der jüngeren Vergangenheit fand von ihrer Seite Kontakt nur statt, um uns auszuhorchen – im Vertrauen gemachte Aussagen wurden verdreht und gegen uns verwendet) und auch jegliche Angebote zu Gesprächen oder Besuchen von unserer Seite ausschlagen. Wir haben mehrere Vermittlungsversuche gestartet, schließlich sogar den Pastor aus Lassan eingeschaltet und Gesprächsrunden organisiert. Aber die ablehnende Haltung einer bestimmten kleinen Personengruppe ließ sich durch nichts aufweichen. Sie haben unter Protest den Gesprächskreis des Pastors, der sogar eigens einen Moderator engagiert hatte, verlassen und waren zu keinem Folgetermin bereit. Nachdem sie seit der Kommunalwahl im Juni dieses Jahres 2004 mit 3 Sitzen im Gemeinderat vertreten sind, geben sie den Mitgliedern unserer Gemeinderatsfraktion, die ebenfalls mit 3 Sitzen wiedergewählt wurde, nicht einmal die Hand, wenn man sich zu den Ratsversammlungen begegnet. (Auch die neue Bürgermeisterin, die 74-jährige Anneliese Herrfurth, die Matthias Andiel bei einer Wahlbeteiligung von 95% äußerst knapp überrundet hatte, ist Mitglied des Waschower „Heimatvereins“; immerhin wahrt sie ein Minimum an Form in dieser Beziehung ...)

Wir sind hier ratlos, wie dieses Eis zu durchbrechen ist - oder ob wir es überhaupt durchbrechen wollen sollen, wenn dies die andere Seite strikt nicht wünscht. Solange die betreffenden Personen von sich aus diese Eiswand aufrecht erhalten, müssen wir uns z.B. von Seiten verschiedener Ämter den Vorwurf anhören: „Ihr seid ja nicht mal in der Lage, die Konflikte in eurem direkten Umfeld zu lösen“. Mit diesem Argument wurde z.B. ein Antrag unseres Vereins, als Träger freier Jugendhilfe anerkannt zu werden, vom Landkreis trotz eindeutigem Rechtsanspruch von unserer Seite abgelehnt, was uns nun vor das Verwaltungsgericht zwingt.

Insofern ist das künstliche Aufrechterhalten der Eiswand ein lokalpolitischer Trumpf, der immer wieder gerne ausgespielt wird, indem man uns mangelnde Kooperationsbereitschaft vorwerfen kann.

Diese Probleme sind nach wie vor ungelöst. Aber wir leben und lebten auch in der Vergangenheit persönlich weitgehend unbehelligt, denn wir sind in Klein Jasedow von einer guten Nachbarschaft umgeben. Angst machen könnte uns nur die langfristige Situation ländlicher Regionen im deutschen Osten – in 20 Jahren wird hier nur noch überalterter Bruchteil der jetzigen Bevölkerung leben, sagen die Experten. Wir setzen uns dafür ein, dass die Region langfristig lebenswert und und überlebensfähig bleibt - und das wird nur mit neuen Impulsen und dem Zuzug von engagierten Menschen möglich sein, die freilich mit ihrem So-Sein auch unvermeidlich Veränderungen mitbringen. Angst machen könnte uns auch die allgemeine wirtschaftliche Situation in Deutschland, die unser Überleben in den beiden vergangenen Jahren enorm erschwert hat und wohl auch in absehbarer Zukunft keinen Anschluss an die relativ guten Zeiten bis 2002 mehr zulassen wird.

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Eintrag 114, Diane Steiner-Springborn: Wenn Ihr mit nichts nach Kl. Jasedow gekommen seid, woher habt Ihr dann die finanz. Mittel, solche enormen (finanz. teuren) Umbauarbeiten zu machen?? Ich denke ihr hattet nicht viel Finanz. Rücklagen?

Warum könnt Ihr fast halbe Dörfer aufkaufen???? Wo kommt denn die Kohle her??? Wenn Ihr mit Eurem Gongmacher, euren Konzerten, Euren getrockneten Blumen (Tees) u. Marmeladen so viel Umsatz macht, dann sagt doch beim Arbeitsamt bescheid, arbeitslose würden sich sicher um so eien "Superjob" reissen!!!

Schade, dass hier der Tonfall unserer Gegner so deutlich durchschlägt. Unsere Umbauarbeiten sind mit Krediten finanziert, wie das wohl bei den meisten privaten Vorhaben hier der Fall ist. Die Gebäude gehören unserer Firma, der Human Touch Medienproduktion, die mit Internetprojekten, Musikprojekten, der Produktion von Zeitschriften, technischer Dokumentation oder weiteren Auftragsarbeiten im Bereich Mediengestaltung ausreichend Mittel umsetzt, dass wir unsere Mitarbeiter bezahlen und die für den Ausbau der Wohngebäude aufgenommenen Kredite zurückfinanzieren können.

Der große Stall am See, das so genannte Klanghaus, gehört dem Verein „Europäische Akademie der Heilenden Künste e.V.“, der sich für den Ausbau um Gelder bei privaten Stiftungen bemüht. Das Klanghaus wird einen Saal beherbergen, der auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Dazu haben wir uns bei unserer Niederlassung verpflichtet, da wir das ehemalige Kulturhaus der Gemeinde zu unserem Büro umgebaut haben. Das wird uns auch seit der Brasan-Geschichte vorgehalten: Wir hätten den Bürgern ihr Kulturhaus weggenommen. - Jenes Haus war stark renovierungsbedürftig, als wir es übernommen haben. Wir haben einen ordentlichen Mietvertrag mit der Gemeinde abgeschlossen, uns verpflichtet, sämtliche Investitionen in das Gebäude selbst zu tragen und die Gemeinde in jeder Hinsicht kostenfrei zu halten. Bei einem Kauf, der inzwischen vollzogen ist, konnte die Miete nicht angerechnet werden, also für die Gemeinde ein äußerst günstiges Geschäft. Das Klanghaus hätte in diesem Jahr eröffnet werden können, wenn es nicht diejenigen, die uns heute den „Raub“ des Kulturhauses vorwerfen, nicht selbst gewesen wären, die durch ihre Verleumdungen die EU-Förderung platzen haben lassen. Ironie der Geschichte ... Nun wird es eben noch zwei Jahre länger dauern, bis wir den Rückschlag aufgeholt haben und das Klanghaus auch für die Gemeinde öffnen können.

Es wundert uns schon immer wieder, dass hier die Vorstellung so wenig ausgeprägt ist, dass man Geld schlicht auch verdienen kann. Das ist offenbar nicht mehr das Normalste von der Welt. Wir haben es durch beharrliche Ausweitung unserer geschäftlichen Aktivitäten geschafft, dass wir in der Human Touch GmbH 6 Personen aus Klein Jasedow, 2 Personen aus Waschow und 3 Personen aus Lassan anstellen konnten, die alle einheimisch sind und früher arbeitslos waren. Das Arbeitsamt ist froh, dass sich in der Gemeinde Pulow ein wachsender Betrieb befindet – selbstverständlich haben wir beim Arbeitsamt nicht nur „Bescheid gesagt“, sondern wir zählen zu den wenigen Betrieben, die anschubgeförderte Arbeitsplätze erfolgreich stabilisieren konnten. Bei dem Kräuteranbauprojekt in Pulow, das übrigens eine unabhängige Genossenschaft ist, arbeiten ebenfalls unter anderen zwei einheimische Gärtnerinnen aus der Gemeinde in leitender Funktion.

Es ist nicht einfach, bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen diese Arbeitsplätze zu halten, aber wir bemühen uns, und hoffen, dass noch weitere hinzukommen.

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Eintrag 33, Koofie: Innerhalb des Beitrages hätte ich mich über eine klare Aussage zu Eurer Ideologie oder Religion gefreut. Gerade dieses könnte Gerüchten und Verleumdungen den Wind aus den Segeln nehmen. Schade, daß Ihr dieses versäumt habt. Oder war es etwa nicht gewollt?

Schon vor unserem Umzug nach Klein Jasedow hatten wir der Gemeinde die Gelegenheit gegeben, nachzuprüfen, was für eine Gruppierung wir sind, nachdem wir in der ersten Sitzung, bei der wir uns dem Gemeinderat vorstellten, darauf angesprochen worden waren, ob wir eine Sekte seien. Die Nachforschungen, die dann ein Gemeinderatsmitglied unternommen hat, ergab selbstverständlich nichts „Verdächtiges“. Tatsächlich sind wir eher aus politischen Gründen zur Lebensgemeinschaft zusammengewachsen: Wie unsere Geschichte zeigt, waren es ökologische und soziokulturelle Themen, die uns in den 70er-Jahren zu einem aktiven Teil der „neuen sozialen Bewegungen“ im Nach-68er-Deutschland haben werden lassen.

Nach dem Brasan-Skandal im September 2001 wurde versucht, mit dem Gerücht, wir seien in Wirklichkeit eine Sekte, und zwar eine besonders gefährliche, weil wir das bisher so gut versteckt hätten, unseren Ruf massiv zu schädigen. Dies fiel vor allem bei gewissen Behörden auf fruchtbaren Boden, die uns gegenüber bereits aus einem anderen Grund skeptisch eingestellt waren: Wir hatten es versäumt, uns wie offenbar alle neuen Investoren, die bis dato hierher gekommen waren, öffentliche Förderung unserer Ansiedelung zu fordern. Wir hatten gedacht, jemand, der hierhergeht, muss Geld mitbringen und darf nicht schon vorher die Hand aufhalten. Falsch: Auf diese Weise konnten die Behörden nichts über uns erfahren; da wir uns nicht mit einem Förderantrag transparent gemacht hatten, fehlte ihnen die Kontrolle über uns. Dies beides wurde uns anlässlich unseres ersten Förderantrags für das Klanghaus, den wir schließlich stellten, weil die Investition in dieses Vorhaben unsere allgemeine Wirtschaftskraft übersteigt, zum Verhängnis.

Um das unsinnige Gerücht, wir seien eine Sekte, aus der Welt zu schaffen, wandten wir uns an den Sektenbeauftragten der evangelischen Landeskirche, Fritz von Kymmel, damals Pastor von Morgenitz auf der Insel Usedom, und baten ihn, öffentlich dazu Stellung zu nehmen. Kurz nachdem wir hier angekommen waren, hatten wir von ihm nämlich schon so etwas wie einen „Persilschein“ bekommen. Wir hatten ihn zu verschiedenen Workshops über die „Renaissance der Region“, wir wir unsere Vernetzungsbemühungen damals nannten, eingeladen und bei diesen Gelegenheiten als aufgeschlossenen Menschen kennengelernt.

Nun schien sich jedoch seine Situation gewandelt zu haben. Er bekannte, er müsse auf äußeren Druck etwas über uns schreiben, und er täte sich sehr schwer damit. Die „evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“, die sich das Recht herausnimmt, nach von ihr selbst definierten Kriterien Bürger zu gefährlichen Sektenmitgliedern zu machen und „Andersgläubigen“ eine „asoziale Religiosität“ zu bescheinigen, hatte ihn beauftragt, ein entsprechendes Gutachten über uns zu erstellen. Einige Lokalpolitiker, die uns nur aus der Gerüchteküche kannten, hatten sich in der Presse geäußert, das dieser „Esoterikkram endlich verschwinden“ und die „Zentralstelle“ zu einer Stellungnahme gedrängt.

Pastor Kymmel zog sich unrühmlich aus der Affäre. Statt uns den Rücken zu stärken, schrieb er etwas von „dubiosen esoterischen Hintergründen“, indem er - man höre und staune! - Inhalte von kommerziellen Anzeigen in Zeitschriften, die wir publizieren, mit unserer eigenen Meinung gleichsetzte. Die Tatsache, dass wir es geschafft haben, mehr als zwei Jahrzehnte lang eine intensive, kreative und wirkungsvolle Gemeinschaft zu verwirklichen, ohne irgendeinem „Ismus“ verfallen zu sein oder überhaupt eine einheitliche gemeinsame Weltanschauung zu formulieren, machte uns nun gerade verdächtig: Wir wollten eben nicht einmal unter Druck unsere wahren Hintergründe offenlegen. Plötzlich war die Inquisition in unserem Wohnzimmer angekommen. Es nützte nichts, dass wir es als besondere Leistung erklärten, in all den Jahren unsere geistige und spirituelle Freiheit erhalten zu haben. Jede und jede von uns ist frei, neue Erkenntnisse für den stetigen inneren Wandel (den wir als inneres Wachstum erleben) zu nutzen. Aber genau das war nun kein „Profil“, das wir zur Auseinandersetzung mit uns anboten. Die Meinung des Superintendenten der Landeskirche schließlich, der ebenfalls in die Sache eingeschaltet wurde, lässt sich so paraphrasieren: Wer keine Rüstung anhat und unbewaffnet zum Duell antritt, der ist der schlimmste und hinterhältigste Feind.

Um diesen unsäglichen Rückfall in die üblen Aspekte des Mittelalters zu beenden, haben neun Mitglieder unserer Gemeinschaft eine Korrespondenz mit dem Sektenbeauftragten begonnen, indem sie ihre - durchaus verschiedenen - persönlichen weltanschaulichen Hintergründe darlegten. Alle machten deutlich, dass wir keiner definierten Religion oder Ideologie anhängen, sondern dass wir stets nach einem persönlichen Zugang zu einer authentischen Spiritualität suchen. Wir halten es für unverzichtbar, dass wir aus der rationalistischen Aufklärung, die uns die unbestreitbaren Vorteile unserer Zeit gebracht hat, in eine zweite Phase der spirituellen Aufklärung hinüberwechseln, die uns die Auflösung der ebenso unbestreitbaren Schattenseite jener rationalistischen Aufklärung bringen kann: nämlich die Herauslösung der Moderne aus dem inzwischen den Fortbestand eines großen Teils der uns bekannten Natur einschließlich des Menschen selbst bedrohenden Aberglaubens namens „Materialismus“. Dazu bedarf es eben gerade keiner Flucht in irgendwelche andere abergläubische, dogmatische, tradierte, „gechannelte“ oder anderweitig vom ganz realen Leben abgehobenen Vorstellungen, sondern einer reflektierten Spiritualität, die - selbstkritisch und wagemutig zugleich - letztlich alle Komponenten des Lebens - die sichtbaren und die unsichtbaren - in eine schöpferische Kommunikation miteinander bringt. Dieser ständige achtsame Dialog setzt die Abwesenheit von Dogmen und absoluten Wahrheiten einerseits und die Leidenschaft für neue Erkenntnis über die Welt und seiner selbst andererseits voraus, und wir denken, dass wir mit unserer oben schon einmal erwähnten „fragenden“ Grundhaltung hier zumindest keinen allzu großen Fehler begehen.

Daraus versteht sich von selbst, dass sich eine institutionalisierte Religion oder das Verfolgen einer bestimmten spirituellen Richtung oder gar Guruismus für keinen von uns als nährender Weg erwiesen hat, und mit dem negativ gebrauchten Begriff „Esoteriker“, mit dem unsere um Erhellung genau jener Schnittstelle zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren bemühten Publikationen herabgewürdigt wurden, konnte sich ohnehin niemand identifizieren. Der Sektenbeauftragte war angesichts der zutage tretenden Vielfalt unserer persönlichen Anschauungen (die wir übrigens auch gegenseitig höchst selten explizit erläutern, um sie nicht einer inneren Kristallisation zu unterwerfen) völlig überfordert, er sagte am Telefon verzweifelt, es sei seine Aufgabe, uns in eine bestimmte „Kategorie“ einzuordnen, er müsse eine passende Schublade für uns finden, und wenn wir ihm schon keine Schublade nennen könnten, dann sollten wir ihm doch wenigstens eine Kommode liefern. Aber nichtmal das konnten wir ihm bieten.

Bedauerlicherweise wurde unsere Vielfalt nicht als positive Qualität akzeptiert. Auf unsere Schreiben erfolgte keine Antwort, und ein von uns angebotenes Gespräch mit Pastor Kymmel und seinem Vorgesetzten Matthias Pöhlmann, der sich in der „Zentralstelle“ für Esoterik, Okkultismus und Spiritismus zuständig fühlt, wurde erneut mit dem Vorwurf abgelehnt, wir würden unsere wahren ideologischen Hintergründe verschleiern, was uns erst recht verdächtig mache. Die Freiheit und Vielfalt der Wege zu dem, was selbst der „Esoterik“ gewiss völlig unverdächtige Denker wie Jürgen Habermas als dem Menschen eingeborene spirituelle Seite bezeichnen, ist eine der wichtigsten Grundlagen, die unser Zusammenleben erst möglich macht. Wenn es überhaupt eine artikulierbare gemeinsame Basis unserer Lebensgemeinschaft gibt, dann dürfte sie am besten durch einen Spruch von Augustinus ausgedrückt werden, der in unserem Wohnzimmer hängt: „La mesure d’aimer, c’est d’aimer sans mésure“ - das Maß der Liebe ist Liebe ohne Maß.

Noch Eintrag 33, Koofie: Letzte Frage: Ab welchem Punkt und wohin verlasst Ihr Klein Jasedow, falls es auch für Euch wieder - wie damals in der Schweiz - mehr Konkurenzdruck gibt? Es hat in Eurer Biographie nämlich den Anschein, als wenn Ihr vor schier unlösbaren Hürden weglaufen würdet. Ich als Ossi kann sagen, dass das in Klein-Jasedow keine Hürde war. Warum? Weil ich diese Wunder zu tausenden im Osten finde - von Ossis gemacht.

Vor unserem Wegzug aus der Schweiz haben wir im Süden von München über 15 Jahre hinweg ein soziokulturelles Projekt aufgebaut, aus dem unter anderem ein Naturkostladen, ein Verlag, ein Inneneirichtungsunternehmen und auch ein Kindergarten entstand, der heute noch Modellkindergarten in der Region ist. Nichts ist von unserer Lebenswirklichkeit weiter entfernt, als wegzulaufen, wenn es schwierig wird. Wir finden uns durchaus in dem Spruch wieder: When the going gets tough the tough get going - wenn es zäh wird, zeigt sich, wer zäh ist.

In dem Projekt in Bayern hatten die im Lauf der Zeit dazu gestoßenen „Konsolidatoren“ erreicht, was sie erreichen wollten, aber die ursprünglichen „Pioniere“ wollten weiter gehen. Wegen eines einzelnen Menschen, der für ein noch in Wolfratshausen entstandenes Softwareprojekt eine zentrale Aufgabe innehatte, zogen wir zu zehnt in die Schweiz und verabschiedeten uns von den in Bayern zurückbleibenden Freunden in einem weitgehend harmonischen Prozess zu einem Zeitpunkt, wo die Trennung noch ohne Scherben zu verusachen möglich war.

Die vier Jahre in der Schweiz waren eine Zwischenphase in unserem Leben, in der wir sehr viel gelernt haben, was, aus dem Rückblick betrachtet, essenziell notwendig war, um den Sprung nach Klein Jasedow zu schaffen. Wir haben die Schweiz nicht verlassen, weil wir kommerziell Schiffbruch erlitten hätten, sondern wegen einer menschlichen Katastrophe, die uns die Grenzen gezeigt hat, wie weit sich eine Gemeinschaft zugunsten eines einzelnen Menschen von ihrer inneren Ordnung entfernen kann, bevor sie unrettbar zerbricht. Da dieser einzelne Mensch eine zentrale Aufgabe in unserem damaligen Unternehmen erfüllte, war freilich auch der Fortbestand unserer Existenzgrundlage bedroht. In dieser Phase, in der wir uns „ganz unten“, wie es am Anfang des Films gesagt wird, gefühlt hatten, entschieden wir uns, die größte Herausforderung unseres Lebens anzunehmen: mit Mitte 40 der „Pioniergeneration“ unserer Gemeinschaft in einem unbekannten Land noch einmal ganz von vorne anzufangen und das zu tun, was wir als die Wurzeln unserer Lebenskraft erkannten. Das dürfte wohl kaum als „Weglaufen von schier unlösbaren Hürden“ aufgefasst werden können.

Wir fühlen, dass wir hier in Klein Jasedow, im Lassaner Winkel, unsere neue Heimat gefunden haben, aus der wir nicht wieder weg möchten. Das kleine „Wunder“ der Entwicklung in diesem Dorf betrachten wir keinesfalls als singuläre Leistung. Wir sind mit vielen weiteren Initiativen und engagierten Einzelpersonen vernetzt, wo eine fantastische Aufbauarbeit geleistet wird - von „Ossis“ und „Wessis“ gleichermaßen. Übrigens: Die Nachbar-Gemeinschaft in Pulow, die das Kräuterprojekt betreibt, besteht in der Mehrzahl aus „Ossis“. Auch in der Klein Jasedower Familie leben zwei ehemalige „Ossis“, das Schwarzweiß-Schema passt hier also gar nicht.

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Eintrag 65, Christoph Sperl: Stimmt es denn, daß ihr nur Frauen einstellt, und wenn ja, dann warum? Ist nicht diese unselige Zeit der Diskriminierung der Männer, dieses schlimme Relikt eines fehlgeleiteten, aggressiven Teilströmung der Siebziger, nun endlich vorbei, und ist denn ein Mann immer noch eine Gefahr oder ein Mensch mit weniger Wert als eine Frau?

Nein, um Himmels Willen, wir sind kein männerfeindlicher Verein! Bei uns arbeiten Frauen wie Männer, es gibt lediglich ein Wochenend-Kräuter-Seminar, das vom Kräutergarten Pommerland speziell nur für Frauen angeboten wird („Wilde Kost“). Das hat allerdings hauptsächlich mit der externen Seminarleiterin zu tun. Vermutlich hat die im Film zitierte Waschowerin dieses Seminarangebot im Internet gelesen und darin gleich eine Stütze für ihr Vorurteil „Lesbenverein“ gesehen.

Der Kräuterbetrieb wird zwar überwiegend von Frauen geführt, aber es gibt durchaus eine Reihe von Männern, die dort „ihre Frau stehen“.

Übrigens; Auch die moderne Matriarchatsforschung scheint über den männerfeindlichen Feminismus hinweggekommen zu sein und spricht lieber von „Gesellschaft in Balance“. Mit diesem Begriff fühlen wir uns sehr wohl.

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Eintrag 134, Helge Wiegel: ... an Stasimachenschaften o. sonstige, dieser Gesellschaftsordnung wesensfremde Aktivitäten gegen Sie mag ich nicht so recht glauben. Mir scheint vielmehr, Ihnen sind der unanständige Kapitalismus und der im Charakter zu oft neidvolle, hämische, destruktive, unflexible und horizontbeschränkte Mensch in der besonders nachwendegebeutelten nordostdeutschen Prägung begegnet.

Wir sind sehr zurückhaltend, was die Beurteilung der Stasi-Thematik angeht. Das ist eine äußerst komplexe Problematik, und hier kann man der einzelnen Person selten wirklich gerecht werden. Wir kennen Opfer und Täter, und wir wissen nach fast acht Jahren Lebenspraxis hier, von welchem ideologischem Druck das Zusammenleben der Menschen in der DDR geprägt war. Zu pauschalen Be- und Verurteilungen würden wir uns niemals hinreißen lassen.

Dennoch ist es kein Geheimnis, dass es hier eine politische Elite gibt, die sich - als heutige Unternehmer wie auch als leitende Angestellte und Beamte in den Behörden - nach wie vor als führende Schicht des Landes empfindet und sich aus verständlichen Gründen mit denjenigen Methoden gegen eine - eingebildete - Verdrängung wehrt, in denen sie perfekt ausgebildet und geschult worden sind. Dieser Personenkreis ist namentlich und mit ihren früheren Funktionen bekannt. Wir verweisen an dieser Stelle nur auf das bereits zu Eintrag 127 und 136 Gesagte.

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